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Praxisdialog

Wärmepreise verstehen: Welche Faktoren bestimmen die Wirtschaftlichkeit eines Wärmenetzes?

Im Fokus-Artikel dieser Ausgabe haben wir gezeigt, warum der Wärmepreis weit mehr ist als nur eine Zahl auf der Kundenrechnung. Er entscheidet über Akzeptanz, Anschlussquote und letztlich über den wirtschaftlichen Erfolg eines Wärmenetzprojekts. Doch wie entsteht ein Wärmepreis eigentlich? Und welche technischen und wirtschaftlichen Faktoren beeinflussen ihn?  

Die Antwort ist komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn Wärmepreise werden nicht einfach festgelegt. Sie sind das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Investitionskosten, Betriebskosten, Fördermitteln, Wärmequelle, Netzauslastung und Finanzierungsstruktur. 

Wärmepreise beginnen nicht bei der Tarifkalkulation 

In vielen Projekten entsteht der Eindruck, die Preisgestaltung sei eine Aufgabe, die erst kurz vor Inbetriebnahme des Wärmenetzes relevant werde. Tatsächlich werden die wesentlichen Grundlagen des späteren Wärmepreises bereits deutlich früher gelegt. Entscheidend und unmittelbare Einflussnehmer auf die spätere Wirtschaftlichkeit haben dabei insbesondere die Wärmequelle, die Netzgröße, die Ausbaustrategie, die Netzstruktur und Trassenführung sowie die Betreiberstruktur. 

Der Wärmepreis ist damit weniger das Ergebnis einer Tarifentscheidung als vielmehr die wirtschaftliche Konsequenz zahlreicher technischer und strategischer Vorabentscheidungen.

Aus welchen Bestandteilen setzt sich ein Wärmepreis zusammen? 

In der Praxis setzen sich Wärmepreissysteme typischerweise aus einem verbrauchs-unabhängigen und einem verbrauchsabhängigen Preisbestandteil zusammen. 

Grundpreis 

Der Grundpreis dient dazu, einen Teil der unabhängig vom Wärmeabsatz anfallenden Kosten zu decken. Hierzu zählen beispielsweise die Vorhaltung der Infrastruktur, Abschreibungen, Finanzierungskosten, Teile der Betriebsführung oder auch Verwaltungskosten. 

Arbeitspreis 

Der Arbeitspreis wird je verbrauchter Kilowattstunde Wärme berechnet. Er berücksichtigt insbesondere die Energie- und Brennstoffkosten sowie verbrauchsabhängigen Betriebs- und Instandhaltungskosten. Je nach eingesetzter Wärmeerzeugungstechnologie kann dieser Kostenanteil erheblich variieren. 

In der Praxis existieren unterschiedliche Preismodelle. Investitions-, Finanzierungs- und Betriebskosten werden dabei je nach Netzstruktur und Betreiberkonzept unterschiedlich auf Grund- und Arbeitspreis verteilt. Auch Modelle mit sehr niedrigen Grundpreisen oder einer weitgehenden Refinanzierung über den Arbeitspreis sind anzutreffen. Neben dem Grund- und Arbeitspreis erhebt eine Vielzahl von Versorgern zudem einen separaten Mess-, Verrechnungs- oder auch Emissionspreis.  

Indem es sich bei der Fernwärmeversorgung typischerweise um langjährige Versorgungsverhältnisse handelt, erfolgt in der Regel die Vereinbarung sog. Preisänderungsklauseln. Sie bilden die Grundlage für die turnusmäßige und automatische Preisänderung (z.B. zum 01.01 jeden Jahres) während des laufenden Versorgungsverhältnis. Rechtsgrundlage bildet § 24 Abs. 4 AVBFernwärmeV, wonach Preisänderungsklauseln nur so ausgestaltet sein dürfen, dass sie sowohl die Kostenentwicklung bei Erzeugung und Bereitstellung der Fernwärme durch das Unternehmen als auch die jeweiligen Verhältnisse auf dem Wärmemarkt angemessen berücksichtigen.  

Bezugsgröße vertraglich vereinbarter Preisänderungsklauseln sind insbesondere die öffentlich einsehbaren Index-Werte des Statistischen Bundesamts. In Betracht kommt darüber hinaus auch die Vereinbarung eines Echtkosten-Index oder der Verweis auf einen Börsenindex, der die Beschaffungsstruktur des Versorgers angemessen abbildet . Die Anforderungen, welche die Rechtsprechung an die wirksame Ausgestaltung von Preisänderungsklauseln stellt, werden wir in unserem Insight: Recht & Regulierung noch genauer beleuchten.  

Der größte Kostentreiber: Die Investitionskosten 

Wärmenetze gehören zu den kapitalintensivsten Infrastrukturprojekten im kommunalen Umfeld. Die Investitionskosten (CAPEX) umfassen dabei insbesondere die Wärmeerzeugungsanlagen, den Rohrleitungsbau, die Hausanschlüsse (inkl. Übergabestationen) und der Planung und Projektentwicklung. 

Da diese Kosten häufig über Zeiträume von 20 bis 40 Jahren refinanziert werden müssen, haben sie erheblichen Einfluss auf die langfristigen Wärmekosten. Entscheidend ist dabei nicht allein die absolute Investitionshöhe, sondern vor allem deren Verteilung auf die angeschlossenen Kunden. Ein einfaches Grundprinzip lautet: Je mehr Wärme über dieselbe Infrastruktur verkauft wird, desto geringer werden die spezifischen Kosten pro Kilowattstunde. 

Warum die Anschlussquote so wichtig ist 

Kaum eine Kennzahl beeinflusst den Wärmepreis stärker als die Anschlussquote. Die Netzinfrastruktur muss weitgehend unabhängig davon errichtet werden, ob später 40 Prozent oder 80 Prozent der potenziellen Kunden angeschlossen werden. Steigen die Anschlusszahlen, erhöht sich der Wärmeabsatz, verbessern sich die Deckungsbeiträge, sinken die spezifischen Netzkosten. 

Eine hohe Anschlussquote verbessert daher nicht nur die Wirtschaftlichkeit, sondern schafft oftmals überhaupt erst die Grundlage für wettbewerbsfähige Wärmepreise. 

Aus diesem Grund sind Kundengewinnung und Absatzsicherung nicht nur vertriebliche Aufgaben, sondern wesentliche wirtschaftliche Erfolgsfaktoren. Bereits in der Juli-Ausgabe unseres Praxisdialogs haben wir gezeigt, welche Bedeutung eine belastbare Anschlussquote für die Projektrealisierung besitzt. 

Die Bedeutung von Ausbaustrategie und Trassenführung 

Nicht nur die Anzahl der Kunden beeinflusst den späteren Wärmepreis. Auch die Frage, wie und in welcher Reihenfolge ein Netz entwickelt wird, wirkt sich unmittelbar auf die Wirtschaftlichkeit aus. Ein sofortiger Vollausbau kann technische Vorteile und Skaleneffekte schaffen, erfordert jedoch hohe Anfangsinvestitionen und bindet frühzeitig Kapital. 

Eine stufenweise Entwicklung reduziert dagegen die anfängliche Kapitalbindung und ermöglicht eine bessere Anpassung an die tatsächliche Anschlussentwicklung. Gleichzeitig können spätere Bauabschnitte zusätzliche Kosten verursachen und bereits genutzte Synergien verringern. Welche Ausbaustrategie wirtschaftlich sinnvoll ist, muss daher stets projektspezifisch beurteilt werden. Maßgeblich sind insbesondere Investitionsvolumen, Anschlussentwicklung, lokale Rahmenbedingungen und Finanzierungsstruktur. 

Ebenso relevant ist die Trassenführung. Lange Leitungswege, komplexe Querungen von Gewässern, Bahnlinien oder stark belasteten Verkehrsflächen erhöhen die Investitions-kosten erheblich. Zwei Gebiete mit identischem Wärmebedarf können deshalb aufgrund unterschiedlicher Netzlängen und Tiefbauaufwendungen zu deutlich unterschiedlichen Wärmegestehungskosten führen. 

Welche Rolle spielt die Wärmequelle? 

Die Wahl der Wärmequelle bestimmt maßgeblich die Investitionskosten, die Betriebs-kosten und damit letztlich auch den Wärmepreis. 

Industrielle Abwärme 

Industrielle Abwärme zählt häufig zu den wirtschaftlich attraktivsten Wärmequellen. Da die Wärme als Nebenprodukt industrieller Prozesse entsteht, können oftmals sehr geringe Wärmegestehungskosten erzielt werden. 

Die Herausforderungen liegen dabei weniger in der Wärmeerzeugung selbst als vielmehr in der räumlichen Entfernung zwischen Quelle und Wärmeverbrauchern, der ganzjährigen Verfügbarkeit sowie in den langfristigen vertraglichen Rahmenbedingungen. 

Ähnliche Potenziale bestehen bei kommunalen Infrastrukturstandorten wie Kläranlagen. Das gereinigte Abwasser stellt vielerorts eine kontinuierlich verfügbare Wärmequelle dar, die über Wärmepumpensysteme nutzbar gemacht werden kann. 

Umweltwärme mit Großwärmepumpen 

Großwärmepumpen können unterschiedliche Umweltwärmequellen erschließen, beispielsweise Außenluft, Flusswasser, Seewasser oder gereinigtes Abwasser. Die Wirtschaftlichkeit hängt dabei insbesondere von der verfügbaren Quellentemperatur, den erreichbaren Vollbenutzungsstunden und den Stromkosten ab. 

Steigende Effizienzen und die zunehmende Verfügbarkeit erneuerbaren Stroms machen Großwärmepumpen heute zu einer der wichtigsten Technologien für die Dekarbonisierung kommunaler Wärmenetze. 

Oberflächengewässer 

Flüsse und Seen verfügen häufig über erhebliche Wärmepotenziale und gewinnen als Wärmequelle zunehmend an Bedeutung. 

Insbesondere in urbanen Regionen können Oberflächengewässer in Verbindung mit Großwärmepumpen eine sehr wirtschaftliche und langfristig verfügbare Wärmequelle darstellen. Gleichzeitig profitieren viele Projekte von kurzen Transportwegen und einer hohen Verfügbarkeit der Wärmequelle. 

Biomasse 

Biomasseanlagen weisen häufig moderate Investitionskosten auf und ermöglichen eine vergleichsweise einfache Integration in bestehende Wärmenetze. Dem stehen jedoch laufende Brennstoffkosten gegenüber, die sich unmittelbar auf die Wärmegestehungskosten auswirken können. 

Solarthermie 

Großflächige Solarthermieanlagen ermöglichen sehr geringe Wärmegestehungskosten und können insbesondere in den Sommermonaten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung eines Wärmenetzes leisten. 

Ihre Verfügbarkeit ist jedoch saisonal begrenzt. Ohne große Wärmespeicher kann Solarthermie daher meist nur einen begrenzten Anteil an der jährlichen Wärmeerzeugung übernehmen. In Kombination mit saisonalen Speichern oder anderen Wärmeerzeugern kann sie jedoch einen wirtschaftlich attraktiven Baustein eines nachhaltigen Wärmeerzeugungsmixes darstellen. 

Geothermie 

Geothermie bietet häufig die niedrigsten Wärmegestehungskosten aller erneuerbaren Wärmequellen und ermöglicht gleichzeitig eine äußerst stabile, langfristig planbare Wärmeversorgung. 

Ist das geothermische Potenzial vor Ort vorhanden, kann die Wärme über Jahrzehnte nahezu unabhängig von Energiepreisentwicklungen bereitgestellt werden. Dem stehen vergleichsweise hohe Anfangsinvestitionen gegenüber, die bereits frühzeitig in der Projektentwicklung berücksichtigt werden müssen. 

Fördermittel beeinflussen den Wärmepreis unmittelbar 

Die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) stellt heute für viele Projekte einen wesentlichen Baustein der Wirtschaftlichkeit dar. Die Förderung reduziert nicht nur den Kapitalbedarf eines Projekts. Sie beeinflusst unmittelbar den erforderlichen Eigenkapitaleinsatz, die Finanzierungskosten, die Kapitaldienstfähigkeit sowie den späteren Wärmepreis. 

Neben der Investitionsförderung können bestimmte Technologien darüber hinaus von einer Betriebskostenförderung profitieren. Dies betrifft insbesondere Großwärmepumpen zur Nutzung von Umweltwärme, die Nutzung von Abwasserwärme sowie Solarthermieanlagen. Diese Förderung kann die Wirtschaftlichkeit entsprechender Wärmequellen zusätzlich verbessern und wirkt sich unmittelbar auf die langfristige Wärmepreiskalkulation aus. 

Fazit 

Der Wärmepreis entsteht nicht erst am Ende eines Projektes. Er wird bereits durch die Wahl der Wärmequelle, die Netzdimensionierung, die Anschlussquote, die Ausbaustrategie, die Trassenführung, die Förderstrategie und die Finanzierungsstruktur geprägt. 

Erfolgreiche Wärmenetzprojekte zeichnen sich deshalb dadurch aus, dass Technik, Wirtschaftlichkeit und Preisgestaltung von Beginn an gemeinsam betrachtet werden. 

Doch selbst das wirtschaftlich sinnvollste Wärmepreissystem muss auch rechtlich belastbar ausgestaltet werden. Welche Anforderungen § 24 AVBFernwärmeV an Preisgleitklauseln stellt, wie Kosten- und Marktelement rechtssicher miteinander zu verzahnen sind und welche Konsequenzen die aktuelle BGH-Rechtsprechung für Wärmenetzbetreiber hat, beleuchtet Bühner & Partner im anschließenden Insight: Recht & Regulierung. 

Sie haben Fragen zur Wirtschaftlichkeit, Wärmepreiskalkulation oder technischen Auslegung Ihres Wärmenetzprojekts? Sprechen Sie uns gerne an!